Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) untersuchte 298 Fälle aus der Anlageberatung und kam zu teils vernichtenden Ergebnissen: Über die Hälfte der Verbraucher hätten Anlageprodukte erworben, die nicht ihrem Bedarf entsprechen, heißt es in der Studie. Fast jedes zweite vermittelte Produkt sei zu teuer, unrentierlich, unflexibel oder zu riskant gewesen. In vielen Fällen ginge das Verhalten der Finanzberater zu Lasten der privaten Altersvorsorge der Sparer, beklagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden Württemberg. Dorothea Mohn vom VZ Bundesverband sieht das Problem darin, dass Finanzberater heute in Wirklichkeit keine Berater, sondern schlicht Verkäufer seien.

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht

Zwar ergab eine Umfrage der Steinbeis University, dass mehr als die Hälfte der Finanzberater mit dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns vertraut seien, doch scheinen diese Leitsätze, die auch die Best-Advice-Beratung im Sinne des Kunden mit einschließen, reine Lippenbekenntnisse zu sein, glaubt man den Aussagen der Verbraucherschützer. Der wichtigste Ratschlag der Verbraucherschützer indessen ist: “Ein Produkt, das gleichzeitig hoch rentabel, zu 100 Prozent sicher und jederzeit liquide ist, gibt es in der Wirklichkeit leider nicht, auch wenn manche dubiosen Berater so tun, als ob”.

Analyst fordert strengere Regulierung von Verbraucherschützern

Doch wie äußern sich Verbraucherschützer über andere Vorsorgeprodukte, wie z.B. die Lebensversicherung? “Die Rendite der Lebensversicherung ist schlecht” – so lautet seit Jahren die Standardaussage der Verbraucherzentrale Hamburg, eine Behauptung immerhin, die sie sogar vor Gericht zu dem Satz, die Lebensversicherung sei legaler Betrug, steigern konnten. Während deren Chefin Edda Castelló in der Vergangenheit noch folgerichtig behauptet hatte, Lebensversicherungen sollten stets gekündigt werden, hörte man aus Hamburg zuletzt deutlich abgeschwächtere Tön. Danach ist die Kündigung der Lebensversicherung plötzlich keine mehr so eine gute Idee. Für den Analysten und Chefredakteur des Datendienstes Map-Report Manfred Poweleit ist Castellós Renditeaussage schlicht falsch. Denn anders als Castelló behauptet, bietet der Kapitalmarkt keine Alternativen für die Lebensversicherung.

„Grundregeln der Mathematik missachtet“

Das von Castelló vorgeschlagene Tagesgeld mit einer Verzinsung von 1,5% läge unter der Gesamtverzinsung der Lebensversicherung, die aktuell von Map-Report auf etwa 3,5% geschätzt wird, so Poweleit.. Auch die viel beschworenen Aktien seien kein sinnvoller Ersatz für eine Lebensversicherung zur Altersvorsorge. Nicht umsonst würden die Versicherer bei ihrer eigenen Anlagepolitik die rechtlich mögliche Aktienquote von 35% “…nicht annähernd ausreizen”. Poweleit sieht in dieser Debatte, “Grundregeln der einfachen Mathematik” missachtet und fordert, das Verbraucherschützer endlich einen Sachkundenachweis erbringen sollen, um Finanzberatung betreiben zu dürfen und ferner eine Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung abschließen sollen. Zu viele “Fiananztipps” aus Hamburg haben sich als kontraproduktiv für Verbraucher erwiesen und wecken Zweifel an der Aufgabe einer Verbraucherzentrale.

Widerspruch zwischen Einzel- und Kollektivinteressen

Dass Verbraucherschützer zwar die Interessen einzelner Versicherungsnehmer dienen – damit aber oft gegen das Kollektivinteresse handeln, weist Matthias Wühle nach. Wühle begründet diesen Widerspruch anhand der Spieltheorie, wonach das Vertreten von Einzelinteressen zwar die dominante Strategie sei, diese sei allerdings subotimal. Wühle verweist auf den Zweitmarkt für Lebensversicherungen, wo Unternehmen wie Policen Direkt als institutionelle Versicherungsnehmer auftreten, die mehrere Policen im Portfolio haben und somit am ehesten Kollektivinteressen vertreten.

Wirtschaft als Schulfach: Widerstände aus der Politik

Solche Widersprüche verdeutlichen, dass es in einem komplexer werdenden Finanzmarkt immer wichtiger wird, sich Finanzwissen anzueignen. 80% der Schüler haben sich in einem Modellprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen für die Einführung von Wirtschaft als Schulfach ausgesprochen. Besonders jüngere Leute haben mit Finanzprodukten große Probleme: Ob bei Krediten, Versicherungen oder der Altersvorsorge: Die Informationen sind nicht selten widersprüchlich, zudem auch einseitig und nicht selten sind einige schwarze Schafe unterwegs. Beispiele zeigen, dass selbst Verbraucherzentralen oft keine große Hilfe darstellen. Interessanterweise sprechen sich ausgerechnet die als verbrauchernah geltenden Grünen gegen Wirtschaft als Unterrichtsfach aus. Auch die Gewerkschaften stehen dem Vorhaben eher distanziert gegenüber. Als Begründung wird die diffuse Gefahr genannt, dass durch das Wirtschaftsfach der Neoliberalismus Einzug in die Schule hielte, berichtet Lisa Becker in der FAZ. Ökonomische Fragen müssten stattdessen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Aspekten gesehen werden. Der Frankfurter Soziologe Tim Engartner sieht darin sogar die “Inthronisierung der ökonomischen durch die Entthronung der politischen Bildung”. Einen Einblick in die Denkweise der Gewerkschaftler bietet Wirtschaftsdidaktler Dirk Loerwald von der uni Oldenburg: “Wer den Markt als etwas Böses ansieht, ist unreflektiert für den Mindestlohn. Wer ökonomisch gebildet ist, beleuchtet eher Argumente dafür und dagegen.“ Aktuell sieht es am ehesten danach aus, dass es ein Fach geben wird, dass sich Verbraucherbildung nennt, welches Fragen um Konsum, Ernährung, Gesundheit und Verantwortung uin sich vereinen soll. Der kleinste gemeinsame Nenner schließt also das leidige Finanzthema weiterhin aus.

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