Verbraucherschützer über Zweitmarkt für Lebensversicherungen

Hier einige ausgewählte Zitate:

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS):

„Policen Direkt bietet den Versicherten einen finanziellen Mehrerlös gegenüber dem Kündigungsfall sowie Beibehaltung eines beitragsfreien Rest-Versicherungsschutzes durch Fortführung der Police“.

Bundesregierung – Presse- und Informationsamt: „Ratgeber Verbraucherschutz kompakt“ Berlin 2013, S. 121:

„Wer jedoch eine Lebensversicherung mit Sparvorgang (Kapitallebensversicherung) kündigt, macht oft ein schlechtes Geschäft. Das zeigt der Vergleich Rückkaufswert mit den eingezahlten Beiträgen. Eine Alternative ist vielleicht die Beitragsfreistellung (ohne Auszahlung). Wer das angesparte Kapital dringend benötigt, kann eventuell die Police auf dem Zweitmarkt verkaufen“.

Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen:

Eine Möglichkeit ist, die Police zu verkaufen. Grundsätzlich ist das nicht schlecht. Allerdings sollten Verbraucher den Käufer gut auswählen. Denn sonst fallen sie möglicherweise auf unseriöse Anbieter herein“.

Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg:

Wenn man es vernünftig angeht, ist es eine gute Möglichkeit. Versicherte bekommen die Chance auf ein paar Euro, ein paar Prozente mehr.“

Theodor Pischke, Finanzexperte bei Stiftung Warentest und Finanztest-Redakteur:

„Die Versicherten profitieren weiterhin von den vergleichsweise guten Renditen und Vermögen, die in den vergangenen Jahrzehnten erwirtschaftet wurden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, den Vertrag der Lebensversicherung zu verkaufen. Wer diese Option wählt, sollte sich sofort die komplette Verkaufssumme auszahlen lassen und nicht auf eine Ratenzahlung vertrauen“.

Bund der Versicherten (BdV):

„Das Prinzip ist relativ einfach: Bei Verkauf der Kapitalpolice wird der Vertrag von den eben genannten Gesellschaften gegenüber der Versicherung weitergeführt, d.h. sie übernehmen die laufende Prämienzahlung. Der bisherige Versicherungsnehmer erhält einen erhöhten Rückkaufswert der Police“.

Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV):

„Wenn sie einen Versicherungsvertrag verkaufen wollen, aber eigentlich noch den Risikoschutz benötigen – Todesfallschutz oder Berufsunfähigkeitsschutz – dann sollten sie es sich auch genau schriftlich geben lassen, dass dieser Schutz trotz des Verkaufs erhalten bleibt“.

Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin):

„Die als Aufkäufer auftretenden Unternehmen bedürfen keiner Erlaubnis der BaFin. Dabei beruht das gängige Geschäftsmodell „Kauf gebrauchter Lebensversicherungen“ auf einem Finanzbedarf des Verkäufers (Versicherungsnehmers), den er dadurch decken will, dass er seine Lebensversicherung verkauft und sich auf diese Weise Geld beschafft.“

Sascha Straub, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bayern:

Man kann die Lebensversicherung mit Rückkaufswerten auch auf dem Zweitmarkt verkaufen. Der Vorteil: Hier können Sparer einen höheren Rückkaufswert als bei der Kündigung gegenüber der Versicherung erzielen. Dann wird der Versicherungsvertrag auf einen Zweitmarktanbieter übertragen, welche diesen weiterführen und den bereits erreichten Rückkaufswert plus X an den Versicherungsnehmer auszahlt“.

Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein:

„Seit einiger Zeit etabliert sich die Möglichkeit, den eigenen Lebensversicherungsvertrag zu verkaufen.“

Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski, Jurist an der Humboldt-Universität Berlin:

„Ein Storno sollte verboten werden. Es sollte gleichfalls möglich sein, die Police, wie in England, auf einem Zweitmarkt zu verkaufen. Die Kunden kämen raus, die Policen liefen aber weiter bis zum Ende. Das würde die Renditen deutlich erhöhen und auch die Kündiger könnten profitieren.“.

Edda Castelló, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg:

„Auf Ratenzahlungen sollten sich Verbraucher auf keinen Fall einlassen. Wenn überhaupt solle die Police nur gegen Cash verkauft werden“.

Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur Finanztip:

„Dann kann die Police auch verkauft werden. Dazu sollte beim Versicherer der Rückkaufwert erfragt werden. Dieser kann dann mit den Angeboten von Aufkäufern von Lebensversicherungen verglichen werden. Unter Umständen bezahlen Letztere einige Tausend Euro mehr“.

Der Zweitmarkt für Lebensversicherungen im Spiegel der Verbraucherschützer

Welchen Standpunkt vertreten Verbraucherschützer gegenüber dem Zweitmarkt für Lebensversicherungen? Diese Frage lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Zunächst einmal gibt es in Deutschland zahlreiche staatliche und unabhängige Institutionen, die sich unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Zielsetzungen für den Verbraucherschutz einsetzen. Die Stiftung Warentest mit Sitz in Berlin hat beispielsweise den staatlichen Auftrag, sich für Verbraucherinteressen stark zu machen und damit ein Gegengewicht zu der starken Lobby von Unternehmensverbänden zu schaffen. Seit 1966 veröffentlicht Stiftung Warentest die eigene Zeitschriftenreihe „Test“, in der in regelmäßigen Abstanden Testergebnisse vorgestellt werden. 1991 kam mit der Zeitschrift „Finanztest“ eine zweite Reihe hinzu, um den immer vielfältiger und auch komplexer werdenden Finanzprodukten gerecht zu werden. Schließlich ist besonders im Finanzbereich der Aufklärungsbedarf sehr hoch. Einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge stufen 58% der 11.000 Teilnehmer einer Befragung ihr Finanzwissen als mittelmäßig bis schlecht ein. 94% der Befragten wünschten sich daher Finanzbildung als Bestandteil der schulischen und Berufsausbildung in Deutschland. Stiftung Warentest hat sich daher zur Aufgabe gemacht, diese Funktion zu erfüllen und Finanzprodukte in den eigenen Publikationen vergleichbar zu machen.

2012: Stiftung Warentest vergleicht den Zweitmarkt für Lebensversicherungen

Finanztest 4/2012

Zu Beginn des Jahres 2012 führte Stiftung Warentest eine Studie im Zweitmarkt für Lebensversicherungen durch, bei der elf Marktteilnehmern eine Musterpolice zum Kauf angeboten worden waren. Nur ein einziges Unternehmen konnte einen Kaufpreis anbieten, der über dem Rückkaufswert lag und in einer Summe ausgezahlt werden sollte: Policen Direkt. Dieses Testergebnis wurde in der Finanztest-Ausgabe 4/2012 veröffentlicht. Allein dieses Ergebnis verdeutlicht schon die Schwierigkeit, mit der Verbraucher oft zu kämpfen haben: Viele Marktteilnehmer versuchen mit wohlklingenden Werbeangeboten zu locken, hinter denen sich oftmals dubiose Angebote verstecken. Finanztest warnt zum Beispiel vor Unternehmen, die in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen auf die Erhebung von „Steuern, Abgaben und Gebühren“ verweisen, die allgemein als rechtmäßig und unumgänglich empfunden werden. Dahinter verbirgt sich jedoch die für den Verbraucher oft nur schwer nachvollziehbare Tatsache, dass Lebensversicherungen bei Verkauf generell steuerschädlich werden, selbst wenn sie bei Kündigung steuerfrei gewesen wären. Je nach bisheriger Laufzeit entstehen dem Verkäufer hierdurch Kosten von ca. 5%-12% des Wertes jeder Police. Durch die Rückerstattung der Kapitalertragssteuer realisiert der Ankäufer mit jeder angekauften Police einen Vorteil in derselben Höhe, während der Kunde durch diese Abzüge am Ende deutlich weniger erhält, als wenn er die Versicherung selbst gekündigt hätte. Auch vor Ratenzahlern wurde wiederholt gewarnt. So kritisierte Stiftung Warentest frühzeitig den Policenankauf von S&K und sah hier ein riskantes Umschichtungsmodell, bei dem der Ankauf der Police lediglich der Kündigung und Auszahlung des Rückkaufswertes diente, wobei das Geld auf kaum nachvollziehbare Weise und gegen überhöhte Renditeversprechen in die betreffende Unternehmensgruppe geflossen war. Wenige Monate nach diesem Ergebnis leitete die Staatsanwaltschaft Frankfurt ein Ermittlungsverfahren gegen die S&K Gruppe wegen Betrugsverdachts ein.

BVZL-Mitgliedschaft als Entscheidungskriterium

Um die Unterscheidung zwischen seriösen Policenankäufern und dubiosen Marktteilnehmern zu vereinfachen, schlug Finanztest die Mitgliedschaft des Ankäufers im Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL) e.V. als eigenständiges Kriterium vor. Redakteure hatten herausgefunden, dass seriöse Ankäufer häufig Mitglied im BVZL sind und sich somit den brancheneinheitlichen Ankaufskriterien verpflichtet haben, die der BVZL auf seiner Homepage zum Download bereithält. Umgekehrt war kein einziger Policenankäufer mit umstrittenen Ankaufsmethoden Mitglied im Branchenverband BVZL. So verpflichten sich Mitgliedsunternehmen beispielsweise dazu, bei Ankauf einer Lebensversicherung einen Mehrwert über Rückkaufswert in einer Summe zu zahlen, wobei die Kaufangebote kostenlos und unverbindlich sein sollten.

Auch Politiker äußern sich oft zu Verbraucherschutzthemen

Parteien und Politiker aller Coleur haben sich ebenfalls den Verbraucherschutz zur Aufgabe gemacht. So kritisierte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in einem Interview die staatlichen Altersvorsorge und riet den Verbrauchern: „Ich würde einer privaten Vorsorge viel mehr vertrauen als einem Staat, bei dem man nie weiß, was mit dem Geld passiert, das Politiker verwalten. In den Niederlanden zum Beispiel wurde die Pflegeversicherung einfach wieder abgeschafft.“, so der Minister gegenüber n-tv. Daniel Bahr betonte dabei auch, um die 700 EUR monatlich für seine private Lebensversicherung und Pflegeversicherung auszugeben. In Berlin gibt es außerdem das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dessen Ministerin Ilse Aigner (CSU) ebenfalls sehr aktiv für den Verbraucherschutz wirbt. So macht sie sich beispielsweise für die Vermittlung von Finanzkompetenz an Schulen stark. Auch die Grünen verfügen mit Sven Giegold über einen ausgesprochenen Finanzexperten, der sich häufig für die Rechte von Anlegern einsetzt. Zuletzt kämpfte er für die Abschaffung von Performance Fees der Fondsgesellschaften.

Verbraucherzentrale spricht nicht mit einer Stimme

Gleich 16 Verbraucherzentralen – für jedes Bundesland eine – kämpfen in staatlichem Auftrag für die Rechte der Verbraucher in Deutschland, wenn es sein muss, auch vor Gericht. Jede einzelne Verbraucherzentrale beschäftigt dabei eigene Finanz- und Versicherungsexperten, die zum Teil nicht immer einer Meinung sind. Umstritten war beispielsweise die von der Hamburger Verbraucherzentrale herausgegebene Broschüre zur Altersvorsorge, die die Lebensversicherung ausdrücklich als ungeeignet für die Altersvorsorge bezeichnet hatte. Ganz anders liest es sich jedoch beispielsweise auf den Webseiten der VZ-Kollegen aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg. Dort erfährt man: „Eine Kapital-Lebensversicherung kann im Rahmen einer betrieblichen Altersversorgung, zum Beispiel als Direktversicherung, sinnvoll sein“. Entsprechend verunsichert ist auch der Verbraucher.

Die Rolle der Medien

Die Medien leisten einen Großteil der erforderlichen Aufklärungsarbeit, wobei die Qualität je nach Medium und Hintergrundwissen des Journalisten ganz unterschiedlich sein kann. Oft beobachten Journalisten auch einfach nur Widersprüche, wie z.B. in jenem Beispiel als die Süddeutsche Zeitung im Zusammenhang der Kündigung von Lebensversicherungen fragte: „Da mit dem Abschluss der Versicherungen Kosten verbunden sind, gleicht der Rückkaufwert anfangs – häufig sogar in den ersten 15 Jahren – nicht einmal die eingezahlten Beiträge aus. Etwa die Hälfte aller Kunden kündigen ihre Lebensversicherungsverträge trotzdem vorzeitig“.

Bund der Versicherten: Verkauf als Alternative zur Kündigung

Eine klare Meinung zur Lebensversicherung hat auch der Bund der Versicherten (BdV), der die Lebensversicherung in erster Linie für ein Verlustgeschäft hält. Einen noch größeren Verlust macht stets derjenige, der seine Lebensversicherung kündigt. Stattdessen empfiehlt der BdV den Verkauf auf dem Zweitmarkt. Ähnlich wie Stiftung Warentest wird dabei geraten, nur an einen Anbieter zu verkaufen, der auch Mitglied im BVZL ist, um das Risiko eines betrügerischen Ankaufs auszuschließen.